history

Geschichte des Singerhaus

Den Abschluss des Basler Marktplatzes in seiner Nordwestecke bildet heute das Singerhaus. Es ist eines der bekanntesten Cafes der Schweiz. Im Sommer 1915 ist es in Angriff genommen und im Herbst 1916 vollendet worden. Am Bau sind verschiedene Namen beteiligt: die ersten Projekte entstammen dem Architekturbureau Linder in Basel. Im Frühjahr 1914 führte eine Studienreise den Bauherrn Chr. Singer Kauffmann und den Architekten Ernst Eckenstein, der damals noch bei Architekt Linder tätig war, in die größeren deutschen Städte. Sie lieferte die Grundlagen für die Gestaltung des heutigen Singerhauses im Innern und Äußern. Der Gedanke eines Cafes im ersten Stock und der Zusammenziehung zweier Stockwerke zu einem einzigen großen Cafe-Tee-Raum stammt aus Berlin. Ende 1914 trat das Architekturbureau Linder von der Aufgabe zurück, und der Bau wurde Anfang 1915 von Architekt Ernst Eckenstein in Verbindung mit Architekt Emil Bercher unter der Firma Eckenstein & Bercher übernommen. Als sich dann in der Folge die beiden Architekten trennten, führte Architekt Ernst Eckenstein den Auftrag zu Ende, nachdem er für die Farbgebung der Innenausstattung den Maler Georg Kaufmann (Basel-Berlin) beigezogen hatte. Im Herbst 1916 konnte der Bau dem Betrieb übergeben werden.

In der Gestaltung der Fassaden ließen sich die Architekten bestimmen durch das dem Singerhaus gegenüberliegende Stadthaus. Es ist einer der vielen alten Basler Bauten, die, im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet, heute eine Zierde der alten Patrizierstadt bilden. Früher ein Posthaus, ist es im Jahre 1770 nach den Plänen von Samuel Werenfels erneuert worden, und im Jahre 1803 fiel es der Stadt zu. Die Architekten haben den schönen Bau einmal dadurch zur Geltung gebracht, dass sie die ganze, dem Marktplatz zugekehrte Stadthausgassfassade vom ersten Stock weg zurückgesetzt haben, und so ist das Stadthaus vom Marktplatz aus besser sichtbar und wird nicht vom Singerhaus erdrückt. Besonders aber in der Pilasterarchitektur, die den ersten und zweiten Stock zu einer Einheit zusammenfasst und in den Linien der Dachform haben sie auf das Stadthaus Rücksicht genommen.

Auch in der Farbe des Steinmaterials — Othmarsinger Muschelsandstein, ein Naturstein von eigenartig warmer Tönung — und der Farbe des Daches passt sich das Singerhaus seinem Nachbar gut an. Ein hohes Parterre charakterisiert das Gebäude. Die Schaufenster sind in mittleren Proportionen gehalten, wie sie Feinbäckerei und Konditorei benötigen. Starke Pfeiler ruhen dazwischen, die Pfeiler so, dass sie den Aufbau der übrigen Stockwerke auch fürs Auge zu tragen vermögen. Straffe Konsolen tragen die Terrasse, ein einfaches, schmiedeeisernes Geländer, das jede unruhige Wirkung vermeidet, fasst das Ganze zusammen.

Die Terrasse ist an der Marktgasse schmal, aber immerhin noch zum Aufstellen von kleinen Tischchen berechnet, an der Stadthausgasse und an der Ecke gegen den Marktplatz zu ist sie breiter. Zwischen den Pilastern, die die innere Zusammengehörigkeit vom ersten und zweiten Stock nach außen kennzeichnen, liegen die hohen Fenster des ersten Stockes und die niedrigeren des Galeriestockes. Die Konsolen im Erdgeschoss, die Eingangstüren, die Füllungen zwischen den Fenstern des ersten und zweiten Stockwerkes, die Pilasterkapitelle und die Mauerflächen zwischen den Fenstern des dritten Stockes tragen reichen ornamentalen und figürlichen Schmuck. Die Reliefs sind nach Entwürfen von Bildhauer J. Brühlmann in Stuttgart ausgeführt worden.

Trotzdem Basel im Gegensatz zu Zürich und Bern vom Krieg nichts profitierte, trotzdem das Singerhaus nicht am verkehrsreichsten Platz oder an der verkehrsreichsten Straße liegt, hat es von Anfang an großen Zuspruch gehabt. Der Grund dafür liegt sicher nicht nur in der guten Ware (Herr Singer besitzt u. a. eine eigene Fabrik für die sog. Basler Leckerli und hat vor dem Krieg auch in Russland große Etablissements eingerichtet), der Grund ist in der Anziehungskraft zu suchen, die das Gebäude selbst und vor allem die gediegenen Innenräume auf den Basler Bürger und den Fremden ausüben. Dass das Ganze so imposant und schön wurde, verdanken wir nicht zuletzt der verständnisvollen Zusammenarbeit zwischen Bauherrn, Architekt und Maler.